Milieu

Vernunft und Ordnung

Nadim Abbas, Brigham Baker, Nikola Danaylov, Delphine Chapuis-Schmitz, Eloise Hawser, Thomas Julier

28.10.2017 —09.12.2017

Opening27.10.2017 —18h

Ein alter Mann hat im Wald Beeren und Nüsse

gesammelt

er trägt sie in einem Korb durch den Wald nach

Hause

 

Als er an der Lichtung ankommt

auf der sein Haus steht
sieht er vor der Tür eine Schlange im Gras liegen
«Was machst du vor meiner Tür
Schlange»
fragt er sie
die Schlange antwortet
«Ich bin die Königin im Wald und warte auf dich
Alter
wenn du ins Haus gehen willst
werde ich dich zu Tode beissen und anschliessend

fressen

wenn du fliehen willst
dann werde ich dich auch zu Tode beissen und

anschliessend fressen

wenn du bleiben willst
wo du stehst
dann werde ich warten
bis du verhungert bist
du wirst von selber sterben und anschliessend

werde ich dich fressen»

der Mann hat unterdessen erkannt
dass die Schlange zu einer Art gehört
die in der ganzen Gegend für ihren tödlichen und

besonders schmerzhaften Biss bekannt ist

«Ich fürchte deinen giftigen Biss
Schlange
deshalb setze ich mich am liebsten
wo ich bin
auf den Boden und warte
bis ich verhungert bin
aber schau
ich habe noch diese Beeren und Nüsse in meinem

Korb

was soll ich damit tun»
«Iss sie ruhig»
versetzt die Schlange
«vielleicht wirst du schön fett davon»
«Das glaube ich nicht
ich habe nie anders ausgesehen als jetzt
im Alter werde ich kaum noch fett werden
aber essen werde ich die Beeren und Nüsse

trotzdem gern»

der alte Mann nimmt eine Hand voll aus dem Korb

und schiebt einzelne davon mit Daumen und
Zeigefinger in den Mund

kauend richtet er sich an die Schlange
«Wenn dies schon meine letzte Mahlzeit sein soll
dann möchte ich mich wenigstens noch ein bisschen

unterhalten

sag mir
Schlange
wie kommst du dazu
mich fressen zu wollen
du hast gesehen
ich bin alt und mager und bestimmt kein

Leckerbissen»

die Schlange reckt ihren Kopf hoch
«Siehst du nicht
wie gross ich bin
um einen solchen Körper zu erhalten
muss ich nehmen
was ich kriegen kann
wenn ich im Wald einem Tier begegne
fresse ich dieses
wenn ich auf einer Lichtung an einem Haus

vorbeikomme

fresse ich eben dessen Bewohner
das ist doch ganz einfach»
«Ach
ich verstehe»
sagt der alte Mann
«so hältst du es
ja
jetzt sehe ich es
du bist gross
riesig sogar
und dazu bist du auch noch schön
deine Schuppen glänzen wie edelstes Metall
nur nicht so hart
im Gegenteil
sie glänzen geschmeidig
mir kommt es vor
als wäre jede ein einzelner Tautropfen
der das Morgenlicht in grünen und braunen Farben

spiegelt»

die Schlange windet und dreht sich
sie streckt ihre Zunge heraus
«Ja
du hast es bemerkt
ich bin nicht nur gross
ich bin auch schön
hast du dir auch meine Augen angeschaut
sie sind gelb wie das Innerste eines Vogeleis und

dazwischen

ein schmaler
tiefer Abgrund
so dunkel ist das Schwarze meiner Augen»
der alte Mann reisst die Augen auf
«Nein
das ist mir noch nicht aufgefallen
aber du hast recht
deine Augen sind wunderschön
und auch deine Zunge ist schön
fein und spitz und genau in der Mitte gespalten»
«Ich weiss
auch meine Zunge ist schön»
sagt die Schlange

 

«Als ich jüngst zum ersten Mal in den See im Wald

tauchen wollte

um mir einen Fisch zu fangen
habe ich mein Spiegelbild gesehen und darin meine

Schönheit erkannt

ich bin bis zur Mitte des Sees geschwommen und

habe mich dort aufeinem Seerosenblatt so lange
gewunden

bis mein Schwanz fein darauf zusammengerollt war

und mein Kopf wie eine Blüte herausstach

ich habe in den Wald gerufen
<Seht mich an
ich bin die Königin im Wald>
da zwitscherte frech ein Vogel von einem hohen

Baum

<Wie führst du dich denn auf
Grosse und Schönheit machen noch lange keine

Königin aus

beweise zuerst
dass du auch stark bist>
ich schwamm vom Seerosenblatt zurück ans Ufer

und biss in einen umgestürzten Baum

zwei tiefe Löcher hinterliessen meine Zähne im

Holz

der Vogel segelte aus seiner Krone herab auf den

niedrigsten Ast

um sich zu vergewissern
wie tief die Löcher waren
und er bewunderte
wie scharf und glatt die Zähne in das Holz

eingedrungen waren

er hatte meine Stärke erkannt und war bereit zu

glauben

dass ich die Königin im Wald bin
da gesellte sich ein zweiter Vogel von derselben

kleinen

vorwitzigen Sorte neben den ersten auf den Ast

und schrie

<Wer weiss
vielleicht hast du dieses eine Mal nur Glück gehabt

und der Baum ist morsch)-

da liess ich mich in das klare Wasser zurückgleiten

und biss in einen grossen Stein

sofort färbte sich der Stein blutrot
purpur lief das Blut am Stein herunter
zerrann zwischen den Steinen und verteilte sich im

Wasser

das liess die Vögel verstummen
zu Tode verblüfft stürzten sie vom Baum und

platschten in den See

sie wurden zu meiner ersten Mahlzeit als Königin

im Wald

nun kannst du dir auch meine Kraft vorstellen
dir vorstellen
wie fest ich zubeissen kann»

 

«Das ist eine grossartige Geschichte
die du da erzählst»
unterbricht der alte Mann die Schlange
«zu meiner Mahlzeit will ich mir aber aus dem Haus

noch etwas Brot und Käse holen

ohne Brot und Käse schmeckt sie mir nur halb so

gut»

die Schlange zischt
«Halt
was willst du tun
hast du schon vergessen
wenn du ins Haus gehst
werde ich dich zu Tode beissen
du fürchtest dich doch vor meinem Biss»
«Nein
ich habe nicht vergessen
dass du mir damit gedroht hast
aber ich glaube nicht mehr daran»
«Warum glaubst du es nicht mehr
ich rate dir nicht
es zu versuchen»
«Doch
ich will es versuchen
ich bin ein alter Mann und ich habe in meinem

Leben schon vieles gehört

wenn ich in meinem Alter etwas noch nie gehört

habe

dann kann ich mich nicht erwehren
ein bisschen daran zu zweifeln
davon
dass eine Schlange in einen Stein gebissen hat
habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört
es erscheint mir auch gar töricht
denn eine Schlange würde sich an einem Stein doch

die Zähne ausbeissen»

Michael Fehr