Milieu

No Joke

Anna-Sophie Berger, Tina Braegger, Gabriele Garavaglia, Lorenza Longhi

01.02.2020 – 07.03.2020

Opening: 31.01.2020 / 18:00

Gabriele Garavaglia, Work Sucks, 2017

Gabriele Garavaglia, Work Sucks, 2017

No Joke, 2020, exhibition view, Milieu, Bern

Exhibition view

No Joke, 2020, exhibition view, Milieu, Bern

Exhibition view

Tina Braegger, Ladybug, 2020 No Joke, 2020, exhibition view, Milieu, Bern

Tina Braegger, Ladybug, 2020,oil on canvas, 195 × 145 × 4 cm (l)
Anna-Sophie Berger, mud coat (1), 2016,polyester, thread, mud, water, dimensions variable (r)

Anna-Sophie Berger, mud coat (1), 2016

Anna-Sophie Berger, mud coat (1), 2016, polyester, thread, mud, water, dimensions variable

Anna-Sophie Berger, mud coat (1), 2016

Exhibition view

No Joke, 2020, exhibition view, Milieu, Bern

Exhibition view

Detail: Lorenza Longhi, Improved Accuracies, 2020

Detail: Lorenza Longhi, Improved Accuracies, 2020, eight half standard fluorescent tubes welded together in pairs, argon gas, transformer, circa 12 x 121,5 x 5 cm each

Detail: Lorenza Longhi, Improved Accuracies, 2020

Detail: Lorenza Longhi, Improved Accuracies, 2020, eight half standard fluorescent tubes welded together in pairs, argon gas, transformer, circa 12 x 121,5 x 5 cm each

Detail: Lorenza Longhi, Improved Accuracies, 2020

Detail: Lorenza Longhi, Improved Accuracies, 2020, eight half standard fluorescent tubes welded together in pairs, argon gas, transformer, circa 12 x 121,5 x 5 cm each

Gabriele Garavaglia, Poker Face, 2020

Gabriele Garavaglia, Poker Face, 2020, performer, sunglasses, rye, variable length

Lorenza Longhi, Untitled (Tables), 2020 Lorenza Longhi, Untitled (Tables), 2020

Detail: Lorenza Longhi, Untitled (Tables), 2020, silk-screen and adhesive tape on tables, dimensions variable (l)
Detail: Gabriele Garavaglia, Rest in Peace, 2020, ergonomic chair, origami paper, dimensions variable (r)

Gabriele Garavaglia, Windscape Technomind, 2020

Detail: Lorenza Longhi, Untitled (Tables), 2020, silk-screen and adhesive tape on tables, dimensions variable

Gabriele Garavaglia, Poker Face, 2020 Gabriele Garavaglia, Poker Face, 2020

Gabriele Garavaglia, Poker Face, 2020, performer, sunglasses, rye, variable length

Gabriele Garavaglia, Rest in Peace, 2020 Gabriele Garavaglia, Rest in Peace, 2020

Detail: Gabriele Garavaglia, Rest in Peace, 2020, ergonomic chair, origami paper, dimensions variable (l)
Gabriele Garavaglia, Windscape Technomind, 2020, AAC file, 360 degree speakers, environmental (r)

Gabriele Garavaglia, Windscape Technomind, 2020 | AAC file, 360 degree speakers, environmental

Gabriele Garavaglia, Rest in Peace, 2020 No Joke, 2020, exhibition view, Milieu, Bern

Gabriele Garavaglia, Rest in Peace, 2020, ergonomic chair, origami paper, dimensions variable (l)
Tina Braegger, Cat Noir, 2020, oil on canvas, 195 × 145 × 4 cm (r)

Tina Braegger, Cat Noir, 2020

Exhibition view

[DE]

Resilienz im 21. Jahrhundert1
Ulrich Bröckling

Schlüsselbegriffe, in denen sich die Signatur einer Zeit paradigmatisch verdichtet, sind selten rein deskriptiv. Ihr Anspruch ist gleichermaßen diagnostisch wie transformativ: Sie bündeln die Herausforderungen, denen sich eine Epoche ausgesetzt sieht, und geben zugleich an, wie diesen zu begegnen wäre. Sie fordern zum Handeln auf und weisen ihm die Richtung. Ein solches Schlüsselkonzept ist für die ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts zweifellos Resilienz.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Werkstoffphysik und bezeichnet dort die Eigenschaft elastischer Materialien, nach Verformung wieder in ihre Ausgangsposition zurückzukehren. Überträgt man diese Vorstellung auf biologische, technische, soziale oder ökologische Systeme, bedeutet Resilienz das Oszillieren um einen Gleichgewichtszustand, den ein System im Fall von Abweichungen aus eigener Kraft wiederherzustellen sucht. In einem weiteren Sinne beschreibt Resilienz das Vermögen eines Systems, Störungen unter Aufrechterhaltung seiner grundlegenden Struktur und Funktionen zu absorbieren oder ihnen standzuhalten.

Inzwischen gibt es eine Fülle an Definitionsversuchen sowie eigenständige Resilienzkonzepte unter anderem in der Entwicklungspsychologie, der Sozialen Arbeit und den Gesundheitswissenschaften, in der Sicherheitsforschung und Katastrophensoziologie, in der Ökosystemtheorie und Nachhaltigkeitsforschung, in der Geographie und den Wirtschaftswissenschaften. Sie lassen sich zwar nicht alle auf einen Nenner bringen, sondern überlagern und beeinflussen sich wechselseitig. Und es gibt zahllose Programme zur Resilienzförderung in all diesen und noch vielen anderen Bereichen, für die dasselbe gilt. Resilienz dient als übergreifende Chiffre für den Umgang mit Risiken, Gefährdungslagen und unkalkulierbaren Ereignissen disruptiven Wandels. Dabei geht es weniger auf vorbeugende Verhinderung ihres Eintretens als um die Befähigung, sich auf sie einzustellen und ihre Auswirkungen zu bewältigen.

Verändert werden sollen durch Resilienzprogramme weder die risikolastigen Verhältnisse, noch sollen Individuen oder Gemeinschaften von riskanten Verhaltensweisen ablassen. Die Maßnahmen zielen vielmehr darauf, die Menschen an die Risiken anzupassen. Statt Belastungen abzubauen, erhöht man die Belastbarkeit. Von der Hoffnung, das Eintreten der befürchteten negativen Zukunftsszenarien noch abwenden zu können, hat man sich verabschiedet. Dass es so schlimm schon nicht kommen wird, wenn man nur rechtzeitig alle Register der Vorbeugung zieht, das mag kaum jemand mehr glauben. Der präventive Furor ist geschrumpft zu einem antizipierenden Coping: Was man nicht verhindern kann, darauf will man wenigstens vorbereitet sein. Man kann den Kindern keine bessere Zukunft bieten, aber man kann sie immerhin für die schlechtere rüsten. Der Druck bei der Arbeit und der noch größere Druck, wenn man keine hat, lassen sich nicht abstellen, aber man kann etwas dafür tun, daran nicht zu verzweifeln. Resilienzförderung ist Survival-Training für alle. Vielleicht erklärt das auch die Beliebtheit erlebnispädagogischer Maßnahmen in den entsprechenden Programmen: Statt Gipfel zu stürmen, übt man das Abseilen. Die Entlastungsfunktion einer solchen Handlungslogik ist offensichtlich: Sie erlaubt es, lähmende Ohnmachtsgefühle angesichts negativer Zukunftsaussichten aktivistisch zu wenden, wenn auch nur in den alltagsfernen Zonen von Schullandheimaufenthalten oder Wochenendseminaren.

Beobachtet man in der Perspektive von Resilienz, so gehen die Bedrohungen des Status quo vor allem von der Umwelt des Systems aus, während die Fähigkeit, sie zu bewältigen (oder eben nicht), in erster Linie dem System selbst zugerechnet wird. Systeme und Subjekte können mehr oder weniger resilient sein – den einen zwingt ein Grippevirus zwei Wochen mit Fieber ins Bett, die andere kommt mit einem Schnupfen davon. Andererseits gibt es kritische Schwellen, jenseits derer sie aufhören zu existieren und sich damit unwiderruflich als nicht resilient erweisen – der Mensch stirbt, das Unternehmen geht bankrott, die Dorfgemeinschaft löst sich auf, die politische Ordnung zerfällt, der See kippt um, die Maschine ist nicht mehr zu reparieren. Werden diese Schwellen überschritten, verstärken sich die Desintegrationsprozesse lawinenartig und lassen sich nicht mehr aufhalten. Interventionen, die auf Resilienzsteigerung abzielen, versuchen deshalb, Systeme in die Lage zu versetzen, sich auf Gefährdungen einzustellen und dabei Distanz zu den kritischen Schwellen zu wahren. Weil diese nicht festliegen und aufgrund ihrer nichtlinearen Dynamiken auch nicht vorab berechenbar sind, müssen resiliente Systeme Nichterwartbares erwarten können, eine paradoxe Aufgabe, die ihnen gleichermaßen Flexibilität und Beharrungsvermögen abverlangt.

Für das resiliente Selbst bedeutet dies einerseits, dass es stets mit dem Schlimmsten rechnen muss, zumindest muss es davon ausgehen, dass jederzeit irgendetwas passieren kann. Andererseits soll sich das resiliente Selbst gerade nicht in einen auf Dauer gestellten Ausnahmezustand begeben. Alarmismus wäre vielmehr kontraproduktiv und würde die Gefährdung noch steigern, weil Ermüdung und Apathie unvermeidbar wären. Politisch folgt daraus eine gegenläufige Doppelstrategie, die auf der einen Seite dramatische Gefährdungsszenarien an die Wand malt und Sicherungssysteme ausbaut, auf der anderen vor Panikmache warnt und die stoische Tugend heroischer Gelassenheit anmahnt. Auf der psychologischen Ebene entspricht dem eine Haltung, die gesteigerte Aufmerksamkeit mit besonnenem Gleichmut verbindet.

Begreift man Resilienz in diesem Sinne als Anrufung, fortwährend die eigene Belastbarkeit, Anpassungs und Widerstandsfähigkeit zu steigern, so wird die neoliberale Grundierung des Konzepts sichtbar, das Emanzipation an Wettbewerbsfähigkeit koppelt: »Wir können traumatisiert werden«, fasst Marc Neocleous die Botschaft zusammen, »wir können uns darauf vorbereiten, traumatisiert zu werden. Wir können unsere Resilienz gegenüber künftigen Traumatisierungen trainieren, und wir können therapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen, die uns hilft, im Vorfeld geeignete Coping-Strategien zu entwickeln. Aber wir werden nicht herausgefordert, politische Antworten zu suchen.«

1 Die folgenden Ausführungen sind Auszüge aus: Ulrich Bröckling: Resilienz. Belastbar, flexibel, widerstandsfähig. In: Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste. Berlin: Suhrkamp, 2017, sowie Ulrich Bröckling: Gut angepasst? Belastbar? Widerstandsfähig? Resilienz und Geschlecht. In: Anhorn, Roland; Marcus Balzereit (Hg.) Handbuch Therapeutisierung und soziale Arbeit. Springer, Wies-baden: 2016, S. 391-408.

Fotos: Claude Barrault

[EN]

Resilience in the Twentieth-First Century1
Ulrich Bröckling

The key terms in which the signature of a time are paradigmatically compressed are seldom of a purely descriptive nature. They purport to be equally diagnostic and transformative: they concentrate the challenges which an epoch sees itself as facing and simultaneously show how these may be confronted. They incite action and point out the direction in which it should be directed. For the first two decades of the twenty-first century, such a key concept is without doubt that of resilience.

The concept originally derives from materials physics and, in that context, it indicates the property of elastic materials to return to their starting position after a given deformation. If one transfers the concept onto biological, technical, social or ecological systems, resilience then denotes the oscillation that a system undergoing modification experiences as it attempts, through its own forces, to restore a state of equilibrium. In a further sense, resilience describes the capacity of a system to maintain its fundamental structure and functions by absorbing disturbances or withstanding them.

By now a wealth of attempted definitions and discrete concepts of resilience have arisen — for instance in developmental psychology, social work and health sciences, security research and disaster sociology, ecological systems theory and sustainability research, geography and economics. Although they cannot all be reduced to a least common denominator, they do overlap and influence one another. And there are countless programs to promote resilience in these fields and many others. Resilience serves as an overarching key for dealing with risks, hazardous situations and incalculable events of disruptive change. It is less about preventing them from happening than about developing the ability to adapt oneself to them and to overcome their effects.

Resilience programs are not about altering highrisk conditions, nor about causing individuals or groups to desist from risky behavior. Rather, the measures aim to adapt people to the risks. Instead of the strain being reduced, one’s capacity for functioning under pressure is increased. One has bid goodbye to the hope that fearful negative future scenarios can be averted. Hardly anyone believes anymore that things will end up all that bad — so long as all of the necessary preventive measures are taken at the appropriate moment. What was once a rage for prevention has shrunk to a mere anticipatory coping: if we can’t prevent something from happening, at least we can be prepared for it. We can’t offer our children a better future, but at least we can equip them for a worse one. The pressure at work (and the even great pressure of not having any) cannot be turned off, but something can be done to avoid becoming desperate. The promotion of resilience is survival training for everyone. Perhaps this also explains the popularity of incorporating elements of outdoor education into resilience programs: instead of storming peaks, you can practice rappelling. The strainrelieving function of such a logic of action is obvious: it allows one to actively deflect paralyzing feelings of helplessness in the face of negative future prospects — even if only in the context of school field trips or weekend seminars that are far from everyday life.

Observed from the perspective of resilience, threats to the status quo arise primarily from the environment of a given system, while the capacity to cope with them (or not) is attributed primarily to the system itself. Systems and subjects can be more resilient, or less — one person catching a flu virus might end up spending two weeks in bed with a fever, someone else might get away with a bit of the sniffles. There are, on the other hand, critical thresholds, beyond which existence ceases and one irrevocably proves oneself to be not resilient: a person may die, a company may go bankrupt, a village community may unravel, a political order may disintegrate, a lake may pour out, a machine can no longer be repaired. If these thresholds are crossed, the process of disintegration snowballs and can no longer be stopped. Interventions aimed at increasing resilience may therefore try to enable systems to adapt to threats while maintaining distance from the critical thresholds. Because these are not fixed and, due to their nonlinear dynamics, cannot be calculated in advance, resilient systems must be able to expect the unexpected — a paradoxical task that requires flexibility and inertia in equal measure.

For the resilient self this means, firstly, that one must always expect the worst, or at least assume that it could happen at any time. Secondly, the resilient self should not go into a permanent state of emergency. Alarmism would be counterproductive and could even heighten the threat by leading to fatigue and apathy. Politically, this results in an opposing pair of strategies: on the one hand to make risk scenarios dramatically clear and to expand security systems, and on the other hand to warn against scaremongering and to promote the stoic virtue of heroic calmness. On the psychological level, this corresponds to an attitude that combines heightened attention with prudent equanimity.

If one understands resilience in this sense as a call to continuously increase one’s adaptability, durability and ability to work under pressure, then the neoliberal undercoat of the concept starts to become visible, linking emancipation with competitiveness. “We can be traumatized,” Marc Neocleous summarizes. “We can prepare to be traumatized, we can be trained to be resilient against the trauma to come, and we can obtain some therapy to help us cope in advance. But we must not be challenged to respond politically. ‘Resilience’ thereby designates an aptitude for little other than keeping things exactly as they are. We can expect to be traumatized collectively but not mobilized politically.”

1 The following remarks are extracts from the following sources: Ulrich Bröckling, “Resilienz. Belastbar, flexibel, widerstandsfähig” in Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste, Berlin: Suhrkamp, 2017; and Ulrich Bröckling, “Gut angepasst? Belastbar? Widerstandsfähig? Resilienz und Geschlecht” Handbuch Therapeutisierung und soziale Arbeit, edited by Roland Anhorn and Marcus Balzereit, Wiesbaden: Springer, 2016, pp. 291-408.

Fotos: Claude Barrault